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Sascha Dickel: „Bio-Nostalgie“

by - 4. April 2010

Richtig cool fand ich das Science-Fiction-Hörspiel vom Bayerischen Rundfunk „Bio-Nostalgie“. Ein Hörspiel ein wenig in der Machart von Matrix, gemischt mit Orwells 1984, wo in einer fernen Zukunft die Menschen nur noch als Bewusstseine in einer perfekten digitalen Umgebung leben. Einem Menschen wird dabei klar, dass er sich nach mehr in seinem „Leben“ sehnt – nach Fehlern. Für sich und eine Weggefährtin möchte der Protagonist zurück in biologische Körper. Nur will natürlich das die perfekte Gesellschaft mit allen Mitteln verhindern.

Das von Sascha Dickel geschriebene Hörspiel ist sehr ordentlich aufbereitet, es wird fast nur von einer Person erzählt und ist sehr gut mit Musik untermalt. Es dauert zwar ein wenig, sich in die Welt hineinzuversetzen (man wird ziemlich mitgerissen und mit „zukünftigen“ Lebensbegriffen bombardiert), aber das legt sich auch recht schnell – oder man ignoriert das getrost. Denn das Ende entschädigt für alles und wird sehr spannend. Nachlesen kann man die Geschichte übrigens auch hier.

Die Frau tanzt für ihn vor der Illusion eines Sandstrandes, in einem Werbefilm, den er auf Dauerloop geschaltet hat. Er lebt im Internet, denn die Welt der Netze hat über die Welt des Fleisches gesiegt.

Im Jahr 2072 hat die Menschheit ihre lästigen Körper zurückgelassen und existiert nur noch in Form von Datenströmen im Netz. Jeder kann jederzeit kopiert und überwacht werden, und reich ist, wer viel Speicherplatz besitzt. Während ein Teil seines multitaskingfähigen Bewusstseins die Frau aus dem Werbefilm verfolgt, erhält er ein ungewöhnliches Angebot. Zusammen mit ihr soll er an einem Experiment teilnehmen, das zunächst wie ein
anachronistisches Spiel für Bio-Nostalgiker erscheint:

Für einen Tag haben sie die Möglichkeit, echte Körper zu erhalten, in die ihr Bewusstsein heruntergeladen wird – die Möglichkeit, an einem unvollkommenen, aber wirklichen Strand zu liegen. Doch als alles für den Download bereit ist, führt ihre Sehnsucht nach der Wirklichkeit zu einer unerwarteten Erkenntnis.

Der Science-Fiction-Monolog ist das Siegerstück des Jurypreises im internationalen Autorenwettbewerb „what if – visionen der informationsgesellschaft“, den der Bayerische Rundfunk und das Online-Magazin telepolis.de anlässlich des Informatikjahrs 2006 ausgeschrieben hatten.

Mit Stephan Bissmeier, Paul Herwig

Komposition:    Jakob Diehl
Regie: Katja Langenbach

(BR 2007) – Länge: 41:13

Sascha Dickel, geb. 1978 in Frankfurt am Main. Studium der Politologie, Soziologie, Rechtsphilosophie und Medienwissenschaften. Promotionsschwerpunkt „Biomedizin – Gesellschaftliche Deutungsmuster und soziale Praxis“.

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