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Windows oder: Müssen wir uns Bill Gates als einen glücklichen Menschen vorstellen?

by - 29. Mai 2010

Wie versprochen, werde ich nach dem kleinen Apple-Bashing gestern, mich heute Bill Gates und seinem Traum von Microsoft Windows widmen. Das Hörspiel von Matthias Greffrath wurde eigentlich als Theatermonolog geschrieben, funktioniert in der Hörspielfassung aber auch sehr sehr gut. Das Stück erzählt aus der Perspektive von Bill Gates, wie sein Leben verlaufen ist, was ihn geprägt hat und – mehr oder weniger fiktiv – welche Ideen sich mit seiner Computersoftware verbinden. Und warum dieser Mann es geschafft hat, weltweit fast ein Monopol bei den Betriebssystemen zu etablieren. Auch erfahren wir, welche möglichen Lebensträume sich mit seiner Software verbinden.

Am erstaunlichsten fand ich eigentlich – das Hörspiel ist von 2005 – wie nahe wir schon den Zukunftsvorstellungen von Bill Gates sind. Allein, wie sehr die Smartphones unser tägliches Miteinander verändert haben. Greffrath lässt seinen Bill Gates auch die Idee diskutieren, wenn man es schaffte, alle Menschen, alle Hirne miteinander zu vernetzen (sogenannte Noosphäre). Da fällt mir ein, ein Hörspiel mit dieser Vision hab ich schon einmal empfohlen.

Das linke Bild ist übrigens nicht Bill Gates. Aber das darunter zeigt ihn mit seinem Hauptkonkurrenten Steve Jobs von Apple.

Bill Gates, amerikanischer Programmierer und Unternehmer, steht im Mittelpunkt des Hörspielmonologs. Der Erfinder und Begründer von Microsoft verwirklichte für sich den AmericanDream und stellt so ein faszinierendes, aber auch irritierendes und beunruhigendes Phänomen unseres kapitalistischen Zeitalters dar. In Verwertung einiger biographischer Fakten wagt ein Schauspieler einen fiktiven Blick in das prozessorenhafte Denken eines Weltenschöpfers.

Als könnte sich der Hörer in verschiedene Äste und Gabelungen dieser unüberschaubaren Matrix klicken, wird weniger die Person des Microsoft-Erfinders, sondern vielmehr das Gesamtphänomen Gates beleuchtet. Auf verschiedenen Ebenen öffnen und schließen sich temporeich Fenster, Hör-Räume, zu zahlreichen Gedankenräumen. Ein überzeugter Tüftler reflektiert  Geschäftliches, Privates, Erinnerungen, Begegnungen, Ereignisse und Gespräche, die Bandbreite reicht von wissenschaftlich-anthroposophischen Erörterungen zu Gedanken über unumstößliche Vorstellungen von Gewinn und Verlust über selbst auferlegte Härte und firmeninterne Unerbittlichkeit. – Ein korrekt geschriebenes Programm tut immer und zu jeder Zeit alles, was Du ihm sagst. Ganz genau und hundertprozentig. Und wenn Du einen Fehler machst, merkt die das sofort. Die Maschine. Und zeigt es Dir. Nur Dir. Du  baust was hin. Und nur was Du hinbaust, ist da. Ist Deins. Und alles ist ganz klar. Da ist kein draussen mehr. Das gibt Sicherheit.

Mathias Greffraths Monolog, der ursprünglich als Theatertext entstanden ist, folgt keiner linear narrativen Erzählweise, sondern besteht aus ineinander verschiebbaren, beweglichen Textbausteinen, die die dauernde gedankliche Vernetzung und Neu-Ordnung des Inputs und Outputs eines multitasking-fähigen Gehirns formal widerspiegeln. Mit den so entstehenden Brüchen versucht sich die Hörspielfassung in schnellen zyklischen Sprüngen dem Faszinosum Gates zu nähern. Dabei arbeitet das Hörspiel akustisch mit extremen Mitteln, die vom Sounddesign der Komponistin Martina Eisenreich zugespitzt werden, frei nach dem Motto, dass ein Phänomen wie Microsoft und Gates, das sich zwischen Extremen wie Genie und Paranoia bewegt, nur in künstlerisch unerschrockener Haltung erkenntnisreich behandelt werden kann.

BR 2005 – Länge: 54:28

Mit Tobias Lelle

Realisation: Bernadette Sonnenbichler

Mathias Greffrath, geb. 1945, freier Autor, Journalist und Soziologe. 1991-94 Chefredakteur der Wochenpost. Seit  1995 Arbeiten für Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, taz, GEO und Theater Heute.


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