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Das langsame Erschlaffen der Kräfte – Ein Fußball-Hörstück in 6 Kapiteln

by - 12. Juni 2010

Dank eines Tipps in einem Hörspielforum habe ich mir jetzt „Das langsame Erschlaffen der Kräfte – Ein Fußball-Hörstück in 6 Kapiteln“ von Jürgen Roth und Ror Wolf angehört. Und ich muss sagen, es hat mir verdammt gut gefallen.

Das Hörstück ist eine Collage aus Schnipseln von Fußball-Kommentatoren und Gedichten / Hymnen auf den Fußball und sein Wirken (mit dabei: Christian Brückner). Und es ist auch ganz große Ironie auf die Kommentierung des Sports.

Die Collage mag nicht auf Anhieb jedermanns Geschmack treffen (es ist schon sehr kryptisch manchmal), allerdings nach ein paar Minuten lässt man sich darauf ein und lacht nur noch vor sich hin. „Fußballreporter“. Es gibt kaum eine Journalisten-Art, die wohl so unaufhörlich reden und erklären muss.

Ror Wolfs Fußballhörspiele aus den siebziger Jahren – Der Ball ist rund, Schwierigkeiten beim Umschalten, Die Stunde der Wahrheit und sieben weitere – sind kaum jemals wieder erreichte Beispiele für eine eindringliche Auseinandersetzung mit dem Thema Fußball. Sie sind – montiert aus Originaltönen von Reportern, Experten, Fans – komisch und ernsthaft, leicht und grotesk, rasant und episch, elegant und aufregend. Sie haben den Fußball für die Literatur und die Hörspielkunst entdeckt.

Ein gutes Vierteljahrhundert nach der letzten der in die kleinsten Poren der Sprache vordringenden Hörspielexpeditionen zum Thema Fußball begeben sich Ror Wolf und der Herausgeber mit Das langsame Erschlaffen der Kräfte auf eine abschließende Radio-Reise in die Gefilde dieses Sports. In sechs Kapiteln berichte

n sie, die Energie des Steigens und Fallens, die Joachim Unseld an Wolfs Prosa beobachtet hat, in einer Art Wellenbewegung aufsaugend, über Aufregungen und Erschütterungen, schließlich über die Zermürbung, das Versiegen körperlicher und sprachlicher Kräfte, über das Auslappen der Spannung, über, wer weiß, Resignation. Dabei knüpfen sie an formale Verfahren an, wie sie Wolf in den siebziger Jahren entwickelte, und überschreiten sie mancherorts zugleich. Denn am Ende geht es nicht nur im Fußball wohl einmal um die Kunst des
Aufhörens.

Der geneigte Hörer dürfte auf Grund von Spielernamen und anderem mehr unschwer erkennen, dass in Das langsame Erschlaffen der Kräfte auf Material zurückgegriffen wird, das jahrzehntelang ‚geruht‘ hat. Insofern eröffnet das Stück auch einen Blick in Wolfs (O-Ton)-Archiv: auf Bruchstücke, Vorschnitte, Rohfassungen.

Trotz der Fülle des dazumal liegengebliebenen Materials – über dessen kulturarchäologische Bedeutung angesichts des allgemeinen Verlusts an Erinnerung, den die heutige, ungleich höher angereizte, vor Aktualität glühende und weitenteils alles andere als erkenntnisförderliche Präsentation des Fußballs mit sich bringt, spekuliert werden kann – wird der Hörer bisweilen auf Satzfragmente und Phrasen stoßen, die ihm bekannt vorkommen dürften. Die Autoren haben sich das Recht herausgenommen, hie und da vor Reprisen nicht zurückzuschrecken. Wer will, interpretiere das als selbstreferentielle Figur, als Kommentar innerhalb eines nun abgeschlossenen Werkbereichs. Die Wiederaufnahme von Partikeln, Wortkrümeln, Interjektionen, von kürzeren Sequenzen und von Motiven im Zusammenhang eines neuen Kontextes ist – jenseits solcher Überlegungen – allerdings auch fester Bestandteil des Collageprinzips. – „Jeder Schritt ist der erste Schritt einer Forschungsreise in das unerhörte Gebiet der Töne, Stimmen und Geräusche. Und jeder Ton, jedes Wort ist noch unverbraucht.“
(Ror Wolf)

Mit Günther Koch, Christian Brückner, Manfred Breuckmann, Rudi Michel

Regie: Ror Wolf/Jürgen Roth

(BR 2006) – Länge: 25:46

Ror Wolf (Pseudonym: Raoul Tranchirer), geb. 1932, deutscher Autor/Künstler. Hörspielpreis der Kriegsblinden 1988 für Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nordamerika(SWF/HR/NDR/WDR 1986). BR-Veröffentlichung: Gesammelte Fußballhörspiele (intermedium rec. 2006)

Jürgen Roth, geb. 1968, deutscher Schriftsteller.  Beiträge in der Zeitschrift konkret, sowie in taz, Titanic und anderen Publikationen. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Satire und Fußball.

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